Care Work

Lothar Kabus – Entmündigung der Krankenpflege

aus: Jahrbuch für kritische Medizin 9, Arbeit, Frauen, Gesundheit, Das Argument ; AS 107

Lothar Kabus-Entmündigung der Krankenpflege

In Fragmenten:

Indem sie mit dem Wort “Handreichungen“ sowohl die faktische Tätigkeit der Schwester als auch die fiktive des Patienten bezeichnen – beide Tätigkeiten also gedanklich verschmelzen – bagatellisieren sie nicht nur die Arbeit der Schwester. Vielmehr gehen sie den Weg der Abwertung weiter bis zur letzten Konsequenz, der völligen Entwertung:

  • Krankenpflege verliert ihren Wert als Berufstätigkeit: Patientenzentrierte Pflege im Sinne von Henderson/Fischer unterscheidet sich nicht von den banalen “Aktivitäten des täglichen Lebens“, die “der Kranke selbst ohne Unterstützung vornehmen würde.“
  • Krankenpflege verliert ihren ideellen Wert als Hilfeleistung, und zwar insofern, als diese gedanklich überflüssig gemacht wird.
  • Krankenpflege verliert ihren Wert als Arbeit. Denn der Patient als fiktiver Arbeitgeber, als “oberster Dienstherr“ nimmt nicht nur die Dienstleistungen der Schwester allein für sich in Anspruch, vielmehr verleibt er sich diese quasi ein. Er verkörpert also krankenpflegerische Arbeit, nicht die Schwester. Auf diese Weise wird deren Tätigkeit zur Nichtarbeit, zum bloßen Dienen aufgrund eines fiktiven Herrschaftsverhältnisses.
  • Krankenpflege verliert ihren materiellen Wert, denn der Schwester wird das Recht auf angemessene materielle Entlohnung abgesprochen, indem die Schwester zum Schuldner des Patienten erklärt wird.
  • Krankenpflege verliert ihr Recht auf immaterielle Gratifikation, denn sie wird gedanklich zur Bedürfnisbefriedigung nicht etwa des Patienten sondern der Schwester: Aufgrund des mystischen Eins-Seins mit dem Kranken hat diese nämlich nicht nur Teil an dessen Bedürfnissen, sondern auch an deren Befriedigung. Darüberhinaus aber schuldet sie dem Patienten Dank, denn er ist es ja, der für sie arbeitet und der ihr hilft. Und deshalb kann es eigentlich nur ihr Bedürfnis sein, wem man bereit ist, dieser abstrusen Logik zu folgen, dem Patienten zu helfen, um damit ihre Schuld abzutragen.

Was dem Patienten, wenn auch nur scheinbar und vordergründig, zuerkannt wird an humanen Werten wie Autonomie und Mündigkeit, das wird der Schwester radikal abgesprochen. Sie findet Autonomie nur im Patienten. Offensichtlich können Henderson/Fischer sich Humanität nur vorstellen als ein Produkt, daß durch Herrschaft und Zwang dem anderen abgenötigt werden muß, und um dies als “natürlich“ zu rechtfertigen, benutzen sie als “humanes“ Modell die Intimbeziehung Mann-Frau. Das mag ein Ausdruck von Verlegenheit sein. Möglicherweise stellt es aber auch den Versuch dar, die Quelle aller Arbeitskraft, die ja die Frau als Erzeugerin menschlichen Lebens darstellt, unmittelbar anzuzapfen, also unter Umgehung lästiger Vermittlungen wie Arbeitsrecht usw.. Das hieße, weibliche Arbeitskraft ihres Warencharakters tendenziell zu endkleiden und diese als “natürlichen“ Rohstoff zu verwerten. Dem Patienten käme in diesem Falle eine wichtige Rolle zu, denn ohne die Vermittlung seiner Hilflosigkeit könnte dieser Verwertungsprozeß nicht ingang kommen. Ist das vielleicht das eigentliche Anliegen des modernen Konzepts der patientenzentrierten Pflege? Die restlose Auslastung der Schwester als Arbeitskraft mithilfe des Patienten?

Gabriele Winker

Neoliberale Regulierung von Care Work und deren demografische Mystifikationen

Gabriele_Winker_Neoliberale Regulierung von Care Work

Im Unterschied zu jeder anderen Ware hat die Ware Arbeitskraft die Besonderheit, dass ihre Anwendung durch den Kapitalisten größere Werte schafft als sie selber Wert ist und für sie in Form des Lohnes bezahlt werden muss. Diese Differenz ist der Profit, den die Produktionsmittelbesitzenden erzielen. Daraus ergibt sich, dass es für die Verwertungsbedingungen des Kapitals nicht nur wichtig ist, dass Arbeitskraft reproduziert wird, sondern dass diese Reproduktion auch möglichst günstig realisiert wird. Wie dies konkret passiert – in Klein- oder Großfamilien oder mit Unterstützung von im Haushalt kostengünstig Beschäftigten –, ist in der Logik des kapitalistischen Verwertungsprozesses weitgehend unbedeutend. Entscheidend ist, dass die entstehenden Reproduktionskosten die Profitrate nicht allzu sehr belasten.

Sehr kostenintensiv für die Reproduktion der Arbeitskraft sind dagegen staatliche Betreuungs- und Pflegemaßnahmen. Denn diese öffentlichen Versorgungsleistungen verringern über Steuerleistungen die Profitrate. Sie werden deswegen nach dem Subsidiaritätsprinzip nur dann geleistet, wenn ansonsten die notwendige Reproduktion von Arbeitskraft nicht mehr erreicht werden kann.(…)

Die arbeitszeitintensiven Care-Tätigkeiten haben die Eigenheit, dass sie sich durch technische Innovationen oder effizientere organisatorische Gestaltung von Arbeitsabläufen nicht in dem Maße rationalisieren lassen, wie das in der Güterproduktion der Fall ist. Die damit verbundenen geringeren Produktivitätsfortschritte verteuern Care Work gegenüber dem Produktionssektor. Weil also die Gesamtausgaben für Care Work kontinuierlich steigen, geraten sie in den Fokus neoliberaler Sparpolitik.

Siehe auch: Soziale Reproduktion in der Krise

Care-Ökonomie – Ein Engel aus Polen

«Ein Engel aus Polen» – so wirbt eine Vermittlungsagentur für Care-Arbeiterinnen, die 24-Stunden-Pflege durch flexible Multitaskerinnen anbietet. Dieses neue informelle Pflegemodell boomt auch in der Schweiz: Laut Aussagen von KennerInnen der Branche werden zunehmend Betreuungskräfte aus Billiglohnländern – etwa aus Osteuro­pa – beschäftigt, die gegen Kost, Logis und einen bescheidenen Lohn als sogenannte Live-ins im Haushalt der Pflegebedürftigen leben. Inzwischen hat sich in der Schweiz die merkwürdige Bezeichnung Senio-Pair etabliert, um diese Art von Au-pair-Verhältnis in Haushalten mit pflegebedürftigen SeniorInnen zu benennen (…)

Der Privathaushalt ist weltweit zu einem wichtigen, meist informellen und prekären Arbeitsplatz für Migrantinnen geworden. In Deutschland arbeiten schätzungsweise 100 000 bis 200 000 Pflege- und Betreuungskräfte in Haushalten von alten Men­schen – hauptsächlich Osteuropäerinnen, legal wie illegal.

Ein_Engel_aus_Polen

Wie sieht es im Pflegealltag wirklich aus? Fakten zum Pflegekollaps

Die katastrophale Lage in den Einrichtungen des Gesundheitswesens spiegelt eine aktuelle Meinungsumfrage des DBfK mit insgesamt 3048 Teilnehmern wieder:

– 33,1% der Befragten erwägen die Berufsaufgabe und den Wechsel in eine andere Tätigkeit mehrmals monatlich bis täglich.
– 69,0% der Befragten sehen die Attraktivität des Pflegeberufes für junge Generationen in den kommenden 10 Jahren drastisch verschlechtert.
– 46,8% der Befragten würden die eigenen Angehörigen, Freunde oder Bekannte nicht im eigenen Arbeitsbereich versorgen lassen.

Der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) beobachtet den zunehmenden Pflegekollaps, nicht nur in den Kliniken, sondern auch in Heimen und der ambulanten Pflege. Unzureichende Personalausstattung, Dauerstress, schlechte Bezahlung und Dumpinglöhne, physisch und psychisch krank machende Arbeitsbedingungen, steigende Patientenzahlen bei gleichzeitig sinkender Verweildauer, schlechtes Image der Pflegeberufe in allen Sektoren der pflegerischen Versorgung sind die wichtigsten Auslöser. Zahlreiche Untersuchungen belegen die Misere. Dennoch scheint das Problem von den Verantwortlichen noch immer nicht als dringlich genug eingestuft.

Abschlussbericht-Wie-sieht-es-im-Pflegealltag-wirklich-aus